Eine Frage des Umgangs mit Macht? / Was die Kirche von Ordensgemeinschaften lernen kann
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Himmelklar: So ein Treffen mit Nachwuchskapuzinern aus ganz Europa muss für Sie sehr beflügelnd sein, oder?
Bruder Helmut Rakowski OFMCap (Provinzoberer der Deutschen Kapuzinerprovinz): Das sind natürlich die Momente, in denen man merkt, da ist etwas in Bewegung. Ich glaube, wir sind als Kapuziner sogar im deutschsprachigen Raum, auch in Deutschland, recht zufrieden, dass wir durchaus noch Resonanz bekommen. Wir wissen, wir können noch etwas bewegen.
Wir müssen auch umstrukturieren. Wir müssen reduzieren. Das ist völlig klar. Allein schon aus dem Grund, dass es immer weniger junge Menschen gibt. Ich meine, es gibt nicht genug Ärzte, es gibt nicht genug Lehrer, es geht nicht genug Klempner.
Himmelklar: Es ist der Fachkräftemangel, der auch bei den Kapuzinern zuschlägt.
Rakowski: Ja natürlich, da sind wir Vorreiter, das haben wir schon vor 22 Jahren erlebt, aber wir müssen damit umgehen, weil wir das nicht ändern können. Die Grundlage ist einfach nicht da. Wir sind mit vier Postulanten ins Jahr gestartet, einer ist mittlerweile weg. Das heißt, wir haben drei Postulanten in diesem Jahr.
Himmelklar: Das Postulat ist das erste Jahr der Ausbildung. Was macht diese Zeit aus?
Rakowski: Das ist das erste Heranschnuppern, bei dem man wirklich völlig ohne jeden Kompromiss daherkommt und bei dem man auch noch keine Kutte bekommt, wo man aber erst einmal (in die Gemeinschaft) hineinlebt.
Dieses Jahr des Postulats wird vielleicht immer bedeutsamer, weil immer weniger aus einem geprägten katholischen Umfeld kommen. Manche müssen einfach erst hineinwachsen in das, was vor 30 oder 40 Jahren in einer katholischen Familie noch ganz normal war.
Himmelklar: Haben Sie da ein Beispiel, was das ist?
Rakowski: Es ist der Umgang mit den Gebetszeiten, es ist die Heilige Messe, es sind diese ganzen praktischen Dinge. Oder überhaupt zu wissen, was Religion ist und was der Inhalt ist. Religionsunterricht gehört auch dazu.
Himmelklar: Wenn Sie jetzt die jungen Männer vor Ort erleben, was treibt sie um?
Rakowski: Unser Thema ist gerade, Sauerteig des Friedens zu sein. Man könnte auch sagen: Baumeister des Friedens. Das ist das große Thema. Wir hatten heute einen Vortrag mit dem päpstlichen Prediger, der traditionell ein Kapuziner ist.
Und ich komme gerade aus einer Sitzung, in der unter anderem ein Bruder aus dem Libanon berichtet hat, wie es so ist, wenn man unter Bombeneinschlägen leben muss. Er hat erzählt, wie zum Beispiel nach einer Attacke auf Beirut und auf die Außenbezirke von Beirut über 1.000 Muslime im Kloster Unterkunft gefunden haben, weil die Häuser zerstört waren, und wie viel Angst gleichzeitig dann da war, dass jetzt die Angriffe auch auf das Kloster gehen könnten, weil man sagen würde, dort sind Muslime untergebracht.
Himmelklar: Ein großes Thema, bei dem einem direkt Papst Franziskus als Friedensbotschafter in den Sinn kommt. Sie waren gemeinsam am Grab von Papst Franziskus. Mit ihm verbinden Sie persönlich auch viel, oder?
Rakowski: Ich habe im Jahre 2013 begonnen, im Vatikan zu arbeiten. Ich habe mich nicht darum beworben. Das ist sowieso ein roter Faden, der sich durch mein Leben zieht. Es kamen meistens Anfragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, sei es in Mexiko, sei es dann nachher in Rom für den Orden, dann für den Vatikan, dann für die Journalistenschule in München zu arbeiten.
Damals, als ich mich vorgestellt habe, war Papst Benedikt noch im Amt. Der trat dann überraschend zurück und dann kam Franziskus. Ich bin tatsächlich die vier Jahre, in denen ich dort gearbeitet habe, mit ihm gegangen. Das war eine sehr bewegende Zeit, weil natürlich auch viele Aufbrüche kamen. Und ich muss sagen, es war auch eine Zeit, in der man gerade mit Franziskus plötzlich über Dinge reden konnte. Es war möglich, Themen anzusprechen, die vorher als geklärt galten. Das war schon bewegend.
Manchmal hat Franziskus vielleicht zu viel Hoffnung geweckt. Auf der anderen Seite habe ich ganz hautnah gemerkt, wie ein Papst im Vatikan auch von Kräften umgeben ist, die aus anderen Zeiten kommen.
Ein System sucht ja immer Leute, die ins System hineinpassen. Und als ich anfing, hatte man die meisten noch vor Franziskus gesucht und angestellt. Insofern kann ich auch verstehen, dass manches viel mehr Zeit brauchte und sich nicht so entwickelt hat, weil auch nicht alle dasselbe denken wie wir zum Beispiel in Deutschland.
Himmelklar: Nach Franziskus ist nun Papst Leo XIV. seit Anfang Mai im Amt. Wie fühlt sich Rom heute für Sie an?
Rakowski: Ich bin nur kurz zu Besuch in Rom. Ich muss aber sagen, dass ich es ganz schön finde, dass wir interessanterweise einen weiteren Ordensmann als Papst haben. Das berührt mich sehr, weil es mich gerade ein wenig bestätigt. Ich glaube nicht, dass die Kardinäle wieder einen Ordensmann gesucht haben, aber sie haben jemanden Spezifisches für die Kirche heute und für die anstehenden Aufgaben gesucht.
Derjenige, den Sie gefunden haben, kommt aus einem Orden, und ich bin der Meinung, dass unser Ordensleben gerade Menschen so prägt, dass sie in der Kirche handeln und der Kirche das geben können, was sie heute braucht – etwa im Blick auf die Frage der Kommunikation oder die Frage des Umgangs mit der Macht. Wir sind auf Zeit gewählt, und das macht schon etwas aus, das habe ich auch im Vatikan erlebt.
Es ist etwas anderes, ob ich ein Bischof bin, der für immer Bischof bleibt. Die Menschen, mit denen ich arbeite, werden dann in der Regel später kaum mein Chef werden, während ich als Ordensoberer damit rechnen muss, dass mein Gegenüber in vier, fünf oder sechs Jahren plötzlich mein Oberer wird und ich der Untergebene bin. Das verändert die Art des Miteinanders. Ich glaube, genau das hat auch einen Leo für dieses Amt vorbereitet. Oder die Kardinäle haben genau so jemanden gesucht.
Himmelklar: Man hat das Gefühl, Ordensleute sind immer ein bisschen unabhängiger von der Kirche und trauen sich vielleicht mehr, ihre Meinung zu äußern. Würden Sie sagen, das gilt auch für Sie?
Rakowski: Ja, ich glaube schon, weil ich von einer Gemeinschaft getragen werde. Natürlich ist der Orden ein katholischer Orden. Natürlich ist das Ziel, die katholische Kirche mitzugestalten. Und wir sind auch einem Papst gegenüber zum Gehorsam verpflichtet.
Gleichzeitig finde ich immer ein Plätzchen, an dem ich auch noch leben kann, auch wenn ich mich vielleicht mal zu weit aus dem Fenster gelehnt habe.
Himmelklar: Haben Sie sich schon mal zu weit aus dem Fenster gelehnt?
Rakowski: Ich habe keine Angst, manche Dinge zu sagen, und ich muss sagen, wir haben mittlerweile in der Kirche ein Klima, das sich, wie ich finde, in den letzten 13 Jahren auf jeden Fall geweitet hat, sodass man Dinge sagen kann. Auch ein Kardinal Marx spricht über die Frage des Zölibats, und Kirchenleute sprechen mittlerweile zumindest aus, was es an Zweifeln gibt. Gleichzeitig tragen wir mit, dass es vielleicht noch nicht so weit ist.
Himmelklar: Gibt es etwas, das Sie Papst Leo gerne mitgeben würden? Ein Thema, von dem Sie sagen, da ist die Weltkirche vielleicht bereit dafür.
Rakowski: Mein persönlicher Ansatz ist nicht so sehr, dass die Weltkirche unbedingt bereit sein muss, überall das Gleiche zu tun. Diese Art der Katholizität halte ich fast für überholt.
Ich würde mir wünschen, dass die Weltkirche je nach Land verschiedene Schwerpunkte setzen kann. Ich kann mir vorstellen, dass es in Afrika einfach ganz andere Bedürfnisse auch kultureller Art gibt – oder in Lateinamerika, als bei uns in Europa, in Deutschland und in den deutschsprachigen Ländern.
Da würde ich mir vom Papst wünschen, dass er die Vielfalt zulässt, dass katholisch sein nicht heißt, alle müssen zwangsweise das Gleiche tun, sondern vielleicht sagt man, in diesem Bereich machen wir Dinge anders und wenn es dann an anderen Orten so weit ist, werden die das vielleicht auch machen.
Gleichzeitig lernt man umgekehrt von Afrika und von Asien. Wenn ich mir Afrika oder auch Asien anschaue, halten wir die Bischöfe oder die Kirche dort eigentlich für sehr konservativ. Sie sind aber im sozialen Bereich und auch im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden wahnsinnig engagiert. Sie gehen in Konflikt mit manchen Regierungen.
Da könnten wir uns vielleicht eine Scheibe abschneiden.
Wir schauen aber eher auf die Frage der Sexualmoral. Wir schauen auf das Zölibat, auf die Frau. Das sind alles Themen, die bei uns wichtig sind.
In Afrika sind es aber, wenn ich mir den Kongo angucke oder so, noch andere Themen, die vielleicht zunächst mal wichtiger sind.
Wenn der Papst uns helfen könnte, am Schluss hängt es ja an uns, dass wir uns die Dinge gegenseitig zugestehen, dann, glaube ich, wäre schon ein großer Schritt gekommen.
Ich habe überhaupt kein Problem mit einer lateinischen Messe, aber wenn man dann behauptet, nur das ist das Richtige, dann wird es für mich fragwürdig. Umgekehrt ist natürlich jemand, der die lateinische Form völlig ablehnen würde, genauso eng. Dahinter steckt in der Regel ja meistens eine ganze Theologie, ein Kirchenbild – das ist noch viel komplizierter. Das Gegeneinander oder das Gegenseitige zugestehen ist aber, finde ich, ein großes Ziel für die Kirche.
Das Interview führte Verena Tröster.
Kirche? Was hat die mir im 21. Jahrhundert überhaupt noch zu sagen? Viel. Schönes wie Schlechtes, Relevantes wie Banales, Lustiges und Wichtiges. Wir stellen euch jede Woche Menschen vor, die heute Kirche bewegen. Bischöfe, Politiker, Promis und Laien – Wir reden mit den Menschen aus Kirche und Gesellschaft, über die die katholische Welt spricht und fragen sie: Was bringt euch Hoffnung?
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July 30, 2025 at 05:38AM