Leseprobe Spät diagnostizierter Autismus in der Praxis
Spät diagnostizierter Autismus in der Praxis Das Verstehen einer anderen Welt - methodenübergreifend - nicht nur für Therapeuten Dr. med. Barbara Gorissen Impressum: Dr. med. Barbara Gorissen Herbachstraße 12 55262 Ingelheim www.Praxis-Dr-Gorissen.de barbara.gorissen@proton.me Copyright: Dr. Barbara Gorissen 2025; Alle Rechte vorbehalten Herstellung durch Amazon Distribution GmbH ISBN: 9798242297562 Imprint: Independently published Autorin: Gesetzliche Berufsbezeichnung Ärztin. Berufsbezeichnung verliehen in der Bundesrepublik Deutschland. Es besteht die Facharztbezeichnung Innere Medizin, nach Weiterbildung und Prüfung verliehen von der Landesärztekammer Hessen. Die Zusatzbezeichnungen Psychotherapie, Palliativmedizin und Notfallmedizin wurden ebenfalls von der Landesärztekammer Hessen verliehen. Zuständige Ärztekammer/Aufsichtsbehörde: Bezirksärztekammer Rheinhessen Wenn Ihnen das Buch gefallen hat, würde ich mich sehr über eine positive Bewertung freuen! Wenn nicht, schreiben Sie mir bitte, was ich in der nächste Auflage besser machen kann. Vorwort 6 Einleitung: Warum dieses Buch? 8 Teil 1: Das Terrain verstehen 10 1. Autismus ist ein Spektrum, keine Schublade 11 1.1. Kennst du einen Autisten, kennst du EINEN Autisten 11 1.2. Ein kurzer historischer Rückblick 14 1.3. Klischee versus Spektrum 17 1.4. Profile statt Kategorien 20 2. Die Kindheit: Anders von Anfang an 26 2.1: Das autistische Erleben in der frühen Kindheit 26 2.2. Bindung in einer nicht passenden Welt 30 2.3: Frühe Mikrotraumatisierungen 35 2.4. Camouflage: das Masking beginnt früh 41 2.5 „Warum bist du nicht wie die anderen Kinder?“ 47 2.6. Meltdowns und Shutdowns werden oft nicht erkannt 52 2.7 Demand Avoidance — die es „offiziell“ gar nicht gibt 56 2.8 Therapieeinsicht: Vom Symptom zur Sprache 59 3. Resilienz im Schatten: emotionale Überlebensstrategien 62 3.1: Rationalisierung, Rückzug, Perfektionismus 62 3.2. Zwischen Überanpassung und Selbstverleugnung 72 3.3 Die Erschütterug der Spät-Diagnose: „Warum hat es niemand gesehen?“ 77 Teil 2: Differenzialdiagnose oder Komorbidität? 82 4.1. Einleitende Vorüberlegungen 83 4.1.1. Autismus oder Borderline? 85 4.1.2. Symptome und Dynamiken der Borderline-Persönlichkeitsstörung 87 4.1.3. Autistische Merkmale, die ähnlich scheinen 90 4.1.4. Wenn beides zutrifft: therapeutische Konsequenzen 92 4.2.1. Autismus oder ADHS? 95 4.2.2. Warum ADHS, Autismus und Hochsensibilität oft verwechselt werden 97 4.2.3. Symptome von ADHS, die autistischen Merkmalen ähneln 99 4.2.4. Autistische Merkmale, die ähnlich aussehen 101 4.2.5. AuDHS: Wenn Autismus und ADHS zusammentreffen 106 4.3.1. Autismus oder Sozialphobie? 111 4.3.2. Symptome der Sozialphobie, die autistischen Merkmalen ähneln 113 4.3.3. Autistische Merkmale, die ähnlich aussehen 115 4.3.4. Wenn beides zutrifft – therapeutische Konsequenzen 118 4.4.2. Symptome der Zwangserkrankung, die autistischen Merkmalen ähneln 123 4.4.3. Autistische Merkmale, die ähnlich aussehen 126 4.4.4. Wenn beides zutrifft – therapeutische Konsequenzen 128 4.5.1. Autismus oder Narzissmus? 130 4.5.2. Charakteristische Züge der narzisstischen Persönlichkeitsstörung 132 4.5.3. Autistische Merkmale, die als Narzissmus fehlinterpretiert werden 134 4.6.1. Autismus vs. Trauma – ein komplexes diagnostisches Spannungsfeld 140 4.6.2. Autistische Überforderung als „Komplexes Trauma des Alltags“ 143 4.6.3. Wenn Trauma und Autismus gemeinsam auftreten 145 4.6.4. Warum klassische Traumatherapie oft nicht reicht 148 4.6.5. Fallvignetten – drei Lebensgeschichten 151 4.7. Weitere Differenzialdiagnosen und häufige Fehldiagnosen 156 4.7.1. Autismus vs. Schizophrenie / Psychosen 156 4.7.2. Autismus vs. Depression 159 4.7.3. Autismus vs. Angststörungen 162 4.7.4. Autismus vs. Hochbegabung 165 4.7.5. Autismus vs. Hochsensibilität 168 4.7.6. Autismus vs. schizoide und ängstlich-vermeidende Persönlichkeit 170 4.7.7. Autismus vs. Essstörungen (v.a. Anorexia nervosa) 174 4.7.8. Autismus vs. Bipolare Störung 177 Teil 3: Therapie auf Augenhöhe 180 5. Therapie mit Autisten - ein methodenübergreifender Weg 181 5.1. Was autistische Menschen von Therapeuten brauchen 181 5.2 Verstehen vor Behandeln: Wie Psychotherapien funktionieren 183 5.3. Anpassungsstörung nach der Diagnose: Der innere Umbruch 188 6. Die therapeutischen Wirkfaktoren bei autistischen Klienten 192 6.1. Echtheit statt Technik: Warum Kongruenz so wichtig ist 192 6.2. Die Gratwanderung zwischen Spiegelung und einfühlsamer Validierung 196 6.3. Demaskierende statt maskierende Therapie 198 6.4. Von der Neutralität zur Echtheit: Wie Haltung Heilung ermöglicht 199 6.5. Supervision und Austausch als Ressource für Therapeuten 202 7. Wenn Therapie zum Trigger wird 204 7.1. Wenn der Raum nicht sicher ist 204 6.2. Mikroaggressionen im Behandlungsraum 207 6.3. Pathologisierung subtiler Verhaltensweisen 209 6.3. Das Prinzip der „radikalen Neugier“ 212 8. Der Wert von Humor, Kreativität und Unkonventionalität 214 8.1. Der therapeutische Raum darf auch leicht sein 214 8.2. Manche Interventionen wirken gerade, weil sie untypisch sind 218 8.3. Neurodivergente Menschen brauchen neurodivergente Methoden 221 9. Autismus - eine Krankheit, die „wegtherapiert“ werden sollte? 223 9.1. Autismus ist keine Störung, die geheilt werden muss 223 9.2. Was Therapie leisten kann – und was nicht 225 9.3. Die Falle der Normalisierung 227 9.4. Selbstannahme statt Selbstoptimierung 229 9.5. Was sich ändern muß - in der Psychotherapie und darüber hinaus 230 9.6. Nicht weniger Autismus, sondern weniger Schmerz 232 Schlusswort 234 Über die Autorin 235 Vorwort Autismus ist — davon bin ich zutiefst überzeugt — keine Störung, die „wegtherapiert“ werden muss. Autismus ist eine Form, die Welt zu erleben: anders, intensiv, oft wortwörtlich; und damit zugleich reich, verletzlich und leider oft auch unverstanden. Und Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet, die Bandbreite ist sehr groß: Manche Menschen mit Autismus sind schon als Kinder so anders, dass die Diagnose bereits schon in der Kindheit fällt. Andere wiederum fallen lange durchs Raster, fliegen unter dem Radar der neurotypischen Mehrheit der Bevölkerung, auch wenn sie von anderen und vor allem von sich selbst durchaus seit jeher als „irgendwie anders“ eingeschätzt werden, und darunter auch leiden. Aus dem „was stimmt denn mit dir nicht?!“ wird dann womöglich irgendwann im Leben die Diagnose Autismusspektrum — die Gruppe der spät diagnostizierten Autisten, die selbst bei der Namensgebung irgendwie durchs Raster fallen. Früher „Asperger Autisten“ genannt, „hochfunktionale Autisten“ oder „geringer betroffene Autisten“, alles Etiketten die nicht wirklich passen und auch aus anderen Gründen eher problematisch sind, und darum schließlich auch wieder verworfen wurden — und so hält man sich dann eben mangels besserer Alternative am Ausdruck „spät diagnostizierte Autisten“ fest. Warum diese Unterscheidung auch in diesem Buch? Warum nicht einfach alle Autisten über einen Kamm scheren? Weil es eben ein Spektrum ist, und weil sich spät diagnostizierte Autisten typischen und recht trennscharfen Problemen gegenübersehen, wenn sie sich in Therapie begeben. Denn sie wirken auf den ersten Blick gar nicht so unterschiedlich zu einem neurotypischen Menschen (genau das ist ja der Grund, warum sie erst spät diagnostiziert wurden!), und das verleitet eben viele neurotypische Therapeuten dazu, sie wie neurotypische Patienten zu behandeln. Und das geht sehr oft schief. Denn gerade auch die therapeutische Arbeit mit autistischen Menschen stellt Fachpersonen immer wieder vor besondere Herausforderungen. Nicht, weil autistische Menschen besonders „schwierig“ wären, sondern weil die etablierten Modelle, Sprachebenen und Interaktionsformen häufig nicht zu ihren Lebensrealitäten passen. Und weil es leider nach wie vor das verbreitete Missverständnis gibt, Autismus könne und solle „geheilt“ werden. Dabei ist genau diese Sichtweise nicht-autistischer Menschen im Lebens- und Erfahrungsumfeld autistischer Menschen oft der Hauptgrund, warum sie überhaupt psychisch krank geworden sind: Das ständige Anpassen, sich Verbiegen und Maskieren führt z.B. nicht selten zu einer Erschöpfungsdepression; und diese kann eben keinesfalls dadurch geheilt werden, dass man das energieraubende Verstecken jener autistischen Anteile, die oft mit Scham und Schuld belegt sind, noch weiter forciert und dadurch das Gefühl „mit mir stimmt etwas Grundlegendes nicht“ noch verstärkt. Dasselbe gilt für Panikattacken und Angsterkrankungen, die bei autistischen Menschen nicht selten als Überforderungsreaktion bei Reizüberflutung auftreten. Das therapeutische „vermeiden Sie die Situation nicht, stellen Sie sich Ihren Ängsten!“ ist hier wieder einmal auf nicht-autistische Patienten zugeschnitten und diesen Fällen leider nicht zielführend sondern symptomverstärkend, als ob Sie einem Patienten mit Höhenangst dazu raten, zu Beginn der Behandlung gleich einmal einen Bungeesprung zu machen. Er wird es (zum Glück!) nicht können — aber sich dadurch noch unzulänglicher fühlen als ohnehin schon. Für Psychotherapeutinnen und psychosoziale Fachpersonen bietet dieses Buch darum eine Einführung in die Besonderheiten autistischer Wahrnehmung, Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Es zeigt auf, welche Haltungen und Methoden hilfreich sind, und welche Fallstricke es zu vermeiden gilt. Dabei wird auf konkrete Situationen eingegangen, die in der Praxis häufig auftreten, und es werden Wege aufgezeigt, wie eine therapeutische Beziehung auch unter ungewohnten Bedingungen gelingen kann. Für autistische Menschen soll dieses Buch ein Kompass sein: zur Orientierung, zur Selbstvergewisserung und zur Ermutigung. Es macht deutlich, dass Sie das Recht haben, therapeutische Unterstützung zu bekommen, die nicht darauf abzielt, Sie „anzupassen“ und „zurechtzubiegen“, sondern die Ihnen hilft, mit Überforderung, Erschöpfung, Selbstzweifeln und traumatischen Erfahrungen umzugehen, ohne Ihre Identität in Frage zu stellen. Dieses Buch ...